Bürgerbeteiligung: Stadtmöbel Schwerin
Wie Bürgerbeteiligung gelingt: Ein Praxisbeispiel aus der Stadtentwicklung
Gemeinsam mit der Landeshauptstadt Schwerin, dem Verein „Essbares Schwerin” und über 400 Bürger*innen hat fint im Jahr 2024 begrünte Stadtmöbel entwickelt, eine Kombination aus Sitzgelegenheiten und Beeten. Seit April 2025 stehen die Möbel in der Schweriner Buschstraße. Dieser Artikel beschreibt den partizipativen Entwicklungsprozess, der aus Bürgerbeteiligung und co-kreativen Workshops bestand.
Inhaltsverzeichnis:
- Die Herausforderung und Ziele
- Der partizipative Entwicklungsprozess
- Standortanalyse und Online-Umfrage
- Bürgerbeteiligung durch co-kreative Workshops
- Entwurf und Gestaltung der Stadtmöbel
- Das Ergebnis
- Zusammenfassung: So gelingt Bürgerbeteiligung
- Das Projekt-Team von fint
1. Die Herausforderung und Ziele
Die Stadt Schwerin hat 2024 ein innovatives Stadtmöbel-Konzept ausgeschrieben, das zur Belebung, Begrünung und Stärkung der Bürgerbeteiligung in der Innenstadt beitragen soll.
Ein Auszug aus der Ausschreibung:
“Die Stadtverwaltung Schwerin beabsichtigt ein innovatives Stadtmöbel-Konzept zur Belebung, Begrünung und Förderung der Bürgerbeteiligung im urbanen Raum umzusetzen. Im Wesentlichen sollen die Möblierungselemente in der Fußgängerzone und auf Plätzen in der Schweriner Innenstadt bzw. in innenstadtnahen Bereichen im Zeitraum von April bis Oktober eines jeden Jahres platziert werden. Die modular aufgebaute Struktur der Möblierungselemente ermöglicht diverse Konfigurationen und Nutzungsmöglichkeiten, angepasst an die vielfältigen Bedürfnisse und Wünsche der Stadtbewohnenden.”
Mit der Entwicklung und Installation der neuen Stadtmöbel verfolgt die Stadt mehrere Ziele.
- Stärkung von Bürgerbeteiligung und sozialem Zusammenhalt.
- Aufwertung der Innenstadt durch mehr Aufenthaltsqualität, neue Besuchsanreize und eine Belebung wenig genutzter Flächen.
- Förderung urbaner Biodiversität durch Pflanzgefäße und essbares Stadtgrün.
- Sensibilisierung für Themen wie Nachhaltigkeit und Vielfalt.
- Schaffung eines langfristigen Mehrwerts für den öffentlichen Raum, unter anderem durch Pflegepatenschaften und eine robuste, langlebige Gestaltung.
2. Der partizipative Entwicklungsprozess
Das fint-Kollektiv hat sich mit einem partizipativen Entwicklungskonzept auf die Ausschreibung beworben und den Zuschlag erhalten. Von Beginn an arbeiteten wir eng mit Stefan Purtz vom Citymanagement Schwerin und Anita Roesing vom Verein „Essbares Schwerin” zusammen. Beide übernehmen nach der Installation der Stadtmöbel die Verantwortung für die Bepflanzung und Pflege der integrierten Beete. Im Folgenden geben wir Einblicke in die durchgeführte Standortanalyse, die Online-Umfrage und die co-kreativen Workshops und teilen unsere wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt.
Standortanalyse und Bürgerdialog in Schwerin
Online-Umfrage mit 430 Teilnehmer*innen
3 co-kreative Workshops mit Bürger*innen und Stakeholdern in Schwerin
3. Standortanalyse und Online Umfrage
Den Auftakt bildete eine gemeinsame Standortanalyse vor Ort: Die Stadtverwaltung hatte sechs potenzielle Plätze vorgeschlagen, die wir zusammen mit Stefan Purtz und Anita Roesing begingen und systematisch bewerteten. Auf Basis unserer Beobachtungen und Gespräche entwickelten wir anschließend eine Online-Umfrage mit zwölf Fragen. Über verschiedene Kanäle und Medien riefen wir die Bürger*innen dazu auf, ihre Bedürfnisse und Gedanken zu den Stadtmöbeln und den möglichen Standorten mit uns zu teilen. Innerhalb von zehn Tagen beteiligten sich 430 Personen.
5 zentrale Erkenntnisse aus der Umfrage für die Gestaltung moderner Stadtmöbel:
Komfort ist kein Luxus, sondern Voraussetzung
Bequeme, ergonomische Sitzgelegenheiten mit Rückenlehnen, einer geeigneten Sitzhöhe und Haltemöglichkeiten, wie beispielsweise Seitenteile, sind essenziell – insbesondere für ältere Menschen oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen.
Multifunktionale Möbel steigern die Aufenthaltsqualität
Auch saisonale Angebote wie Decken im Herbst machen Stadtmöbel im Alltag relevanter.
Bepflanzung schafft Verbindung und Beteiligung
Beeren, Kräuter und essbares Grün sprechen die Menschen an und fördern die Identifikation. Gleichzeitig bieten sie Anknüpfungspunkte für die gemeinschaftliche Pflege oder Patenschaften.
Klare Kommunikation ist wichtig
Schilder mit freundlichen Hinweisen zur gemeinsamen Nutzung, Informationen zur Idee oder QR-Codes mit Projektlinks fördern Wertschätzung, Verständnis und Beteiligung.
Pflege und Müllentsorgung sind kritische Erfolgsfaktoren
Selbst die besten Stadtmöbel verlieren schnell ihren Charme, wenn sie ungepflegt wirken. Entscheidend für die langfristige Akzeptanz sind Abfallbehälter in der Nähe und transparente Pflegekonzepte (z. B. Supporter-Netzwerk).
4. Bürgerbeteiligung durch
co-kreative Workshops
Im Anschluss an die Umfrage haben wir drei co-kreative Workshops mit Bürger*innen und Vertreter*innen der beteiligten städtischen Ämter durchgeführt. Insgesamt nahmen 30 Personen daran teil und brachten auf diesem Wege ihre Bedürfnisse und Ideen in den Entwicklungsprozess der Stadtmöbel ein. Zu Beginn haben wir die Arbeitshaltung für den Workshop vorgestellt.
- Seid offen für die Perspektiven der anderen und findet gemeinsam eine gute Lösung.
- Verliert euch nicht in Details (z. B. Farbe, Material, Pflanzenarten). Es geht um Module und Inseln.
- Gestaltet für eure Zielgruppe und den jeweiligen Standort.
Anschließend bekamen die Teilnehmer*innen die Aufgabe, aus einfachen Holzmodulen gemeinsam Möbelinseln zu kombinieren.
- Schritt 1: Zielgruppe und Standort definieren. Ihr seid die Zielgruppe eurer Insel! Gestaltet sie für eure Bedürfnisse.
- Schritt 2: Module zu einer Insel kombinieren. Wie würdet ihr mehrere Module miteinander kombinieren, um für eure Zielgruppe eine passende Nutzungssituation zu schaffen? (z. B. Ruhe, Interaktion, Spiel, Barrierefreiheit)
- Schritt 3: Ausrichtung am Standort prüfen Wie beeinflusst der Standort die Ausrichtung der Module (z. B. Sonne, Schatten, Nähe zum Verkehr, Aussicht)?
5. Entwurf und Gestaltung
der Stadtmöbel
Der Entwurf der Stadtmöbel ist das Ergebnis der zuvor beschriebenen Standortanalysen, der Online-Umfrage und der co-kreativen Workshops. Auf dieser Grundlage wurde ein modulares System entwickelt, das sich flexibel an unterschiedliche Orte und Nutzungssituationen anpassen lässt. Inspiriert von den Prinzipien der Circular Economy und dem Cradle-to-Cradle-Designansatz sind die Möbel konstruktiv einfach aufgebaut, langlebig ausgelegt und reparierbar gedacht. Verschraubte Verbindungen statt Verklebungen ermöglichen es, einzelne Bauteile auszutauschen oder instand zu setzen, ohne ganze Möbel-Module ersetzen zu müssen. So wird eine langfristige Nutzung im öffentlichen Raum unterstützt und der Pflegeaufwand reduziert.
Ergonomische Aspekte spielten dabei von Beginn an eine zentrale Rolle. Sitzhöhen, Rückenlehnen und seitliche Begrenzungen wurden auf Basis der Rückmeldungen aus Umfrage und Workshops entwickelt und berücksichtigen die Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen. Auch die Materialwahl folgte klaren, praxisnahen Kriterien: Für die Möbel wurde bewusst unbeschichtetes, regionales Holz verwendet, das langlebig, gut reparierbar und für den Einsatz im öffentlichen Raum geeignet ist. Die Fertigung der Stadtmöbel erfolgte in Zusammenarbeit mit einer lokalen Schreinerei sowie den beteiligten Logistikpartnern. Die lokale Produktion ermöglichte kurze Abstimmungswege im Entwurfs- und Umsetzungsprozess und stärkt zugleich die regionale Wertschöpfung.
6. Das Ergebnis
Seit dem April 2025 stehen die Stadtmöbel in der Schweriner Buschstraße. Der Nordkurier hat am 26.04.2025 über die Eröffnungsfeier berichtet. Dieses Video von TV Schwerin auf YouTube zeigt gut, wie sich die Möbel in das Stadtbild einfügen.
7. Zusammenfassung: So gelingt Bürgerbeteiligung
1. Früh, transparent und gemeinsam starten
Beteiligung beginnt mit der gemeinsamen Analyse des Status quo. Indem wir potenzielle Orte gemeinsam mit lokalen Partner*innen (Citymanagement, Initiativen) vor Ort begutachteten, entstand früh ein gemeinsames Verständnis für Herausforderungen und Potenziale. Diese gemeinsame Basis schafft Vertrauen.
2. Einfache, verständliche Formate sinnvoll aufeinander aufbauen
Zunächst führten wir eine Standortanalyse vor Ort durch, dann bezogen wir die Bürger*innen über eine Online-Umfrage ein und entwickelten auf dieser Grundlage in co-kreativen Workshops konkrete Entwürfe. Gute Beteiligungsformate holen die Menschen niedrigschwellig ab und führen sie Schritt für Schritt nachvollziehbar durch den Prozess.
3. Reichweite durch Vielfalt der Kanäle erzeugen
Bürgerbeteiligung funktioniert dort, wo Menschen erreichbar sind – sei es online, vor Ort, über soziale oder lokale Medien, per Newsletter oder durch persönliche Ansprache. Die Beteiligung von 430 Personen in nur zehn Tagen zeigt, dass dies möglich ist. Je mehr Kontaktpunkte es gibt, desto breiter und diverser sind die Rückmeldungen.
4. Ergebnisse sichtbar machen und zurückspielen
Die Menschen wollen wissen, ob ihre Beiträge Wirkung entfalten. Indem die Erkenntnisse aus der Umfrage direkt in die folgenden Workshops einflossen, wurde die Beteiligung konkret und nachvollziehbar. Sichtbare Konsequenzen, auch durch Medienberichte, stärken das Vertrauen und erhöhen die Bereitschaft zur weiteren Mitwirkung.
5. Verantwortung teilen und langfristig denken
Beteiligung endet nicht mit Umfragen und Workshops. Wenn lokale Akteur*innen wie der Verein „Essbares Schwerin” die Pflege und Betreuung der Stadtmöbel übernehmen, wird aus Beteiligung echte Teilhabe. Geteilte Verantwortung stärkt die Identifikation und ist ein zentraler Faktor für eine nachhaltige Stadtentwicklung.
8. Das Projekt-Team von fint
Im Projekt-Team von fint trifft Kreislaufwirtschaft auf Strategic Design:
Benedikt Wanner ist ein Produktdesigner, der sein Diplom an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart erworben hat. Er ist Experte und Coach für Circular Design und Cradle to Cradle. In seiner Rolle als Designmanager entwickelte er das Interieur für das Cradle to Cradle LAB in Berlin und plante und setzte mehrere Möbelprojekte nach Circular-Design-Kriterien um, darunter eine Sitzbank und eine Küche.
Steffen Sommerlad ist Strategic Designer, Coach, Moderator und Teamentwickler. Er hat ein Diplom in Kommunikationsdesign, einen Master of Arts in Interface-Design und ist ausgebildeter Trainer für regeneratives Wirtschaften. Er konzipiert und moderiert partizipative Designprozesse mit verschiedenen Stakeholdern und Bürger*innen. Aufbauend auf den gewonnenen Erkenntnissen gestaltet er wünschenswerte und regenerative Zukünfte.
Fotos: Jana Wehbe
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